„Du kannst alles werden – nur kein Kurde“

Diwan-Abend am Goethe-Gymnasium bewegte mit persönlichen Einblicken

Am 19. Mai lud der Förderverein des Goethe-Gymnasium Bensheim zu einem weiteren Diwan-Abend in die voll besetzte Bibliothek der Schule ein. Unter dem Titel „Die Kurden: Ein Volk ohne Staat – eine Minderheit in vielen Staaten“ sprach der Lehrer Ferit Çakmaz über Geschichte, Kultur und Gegenwart der Kurden – und vor allem über seine eigenen Erfahrungen als Angehöriger dieser Minderheit, deren Schicksal vielen Menschen kaum bekannt ist.

Der ehemalige Schulleiter Jürgen Mescher führte durch den Abend und befragte den Referenten zu seiner persönlichen Biografie ebenso wie zur politischen Situation der Kurden. Çakmaz, Lehrer für Englisch und Informatik am Goethe-Gymnasium, lebt heute zwischen mehreren Kulturen: der kurdischen Herkunft seiner Familie, der türkischen Mehrheitsgesellschaft und seit einigen Jahren auch der deutschen Lebenswelt.

Besonders eindrücklich schilderte er seine eigene Geschichte. Seine Familie stammt aus Batman im Osten der Türkei. Wegen zunehmender gewaltsamer Repressionen zog die Familie später nach Antalya. Dort erlebte Çakmaz früh den Druck zur Assimilation. In der Schule durfte er kein Kurdisch sprechen und passte sich bewusst an, um nicht als Kurde aufzufallen. „Du kannst als Kurde in der Türkei alles werden – Lehrer, Arzt, Anwalt, nur kein Kurde“, fasste er die Erfahrung vieler Kurden zusammen.

Nach seinem Studium wurde Çakmaz Englischlehrer in der Türkei und kam anschließend für fünf Jahre als Türkischlehrer nach Deutschland. Hier studierte er erneut Englisch und Informatik und arbeitet seit 2022 als Studienrat in Bensheim.

Im Verlauf des Abends spannte der Referent den Bogen von seiner persönlichen Geschichte zur historischen Entwicklung Kurdistans. Das kurdische Siedlungsgebiet erstreckt sich traditionell über die Bergregionen zwischen Mittelmeer, Schwarzem Meer und dem Persischen Golf. Heute leben rund 40 Millionen Kurden verteilt auf die Türkei, Syrien, Irak und Iran; etwa eine Million lebt in der Diaspora.

Dabei wurde deutlich, dass die Kurden keine homogene Gemeinschaft sind. Die Mehrheit gehört dem sunnitischen Islam an, daneben gibt es unter anderem Jesiden, Schiiten, Aleviten, Christen und Juden. Auch sprachlich existieren verschiedene Dialekte wie Kurmandschi oder Sorani. Kurdisch gehört zur indogermanischen Sprachfamilie und ist mit iranischen Sprachen verwandt – im Gegensatz zum Türkischen.

Großen Raum nahm auch die kurdische Kultur ein. Die Farben Grün, Rot und Gelb besitzen hohe symbolische Bedeutung. Als wichtigstes Fest gilt Newroz, das traditionelle Neujahrs- und Frühlingsfest. Çakmaz berichtete von Repressalien gegen Teilnehmer solcher Feierlichkeiten durch türkische Sicherheitskräfte.

Historisch verwies der Referent auf die Folgen des Ersten Weltkriegs. Im Vertrag von Sèvres war zunächst ein kurdischer Staat vorgesehen. Nach der türkischen Revolution wurde diese Perspektive jedoch im Vertrag von Lausanne verworfen; große Teile des kurdischen Siedlungsgebiets fielen an die Türkei. Zahlreiche Aufstände nach dem türkischen Unabhängigkeitskrieg seien die Folge gewesen.

Auch die aktuelle politische Lage kam zur Sprache. So war der Gebrauch der kurdischen Sprache in der Türkei bis vor wenigen Jahren offiziell verboten. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Staat und PKK, zeitweise Friedensverhandlungen sowie ein bis heute brüchiger Frieden prägen die Situation. Kurdische Parteien würden immer wieder verboten, gewählte Bürgermeister abgesetzt und inhaftiert. Führende Vertreter demokratischer kurdischer Parteien säßen seit Jahren im Gefängnis.

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde aus dem Publikum darauf hingewiesen, dass kurdische Flüchtlinge aus der Türkei trotz der geschilderten Repressionen in Deutschland nur selten als politisch Verfolgte anerkannt würden. Ferit Çakmaz selbst sprach sich für mehr kulturelle und politische Rechte der kurdischen Minderheiten aus. Sein Wunsch sei eine stärkere Autonomie innerhalb der bestehenden Staaten – vergleichbar mit der Situation der Basken in Spanien.

Der Abend hinterließ bei vielen Zuhörern einen nachhaltigen Eindruck. Ein Besucher formulierte es so: „Mich hat diese Missachtung der Identität als Kurde sehr berührt. Als Kind in der Schule die ‚falsche‘ Sprache zu sprechen, einen entwürdigenden Nachnamen zugewiesen zu bekommen, aus der kurdischen Heimat flüchten zu müssen und dann zu versuchen, als Kurde unsichtbar zu bleiben – das hat mich sehr bewegt.“

So wurde der Diwan-Abend weit mehr als eine historische oder politische Informationsveranstaltung. Er entwickelte sich zu einer eindringlichen Mahnung, wie wichtig der respektvolle Umgang mit Minderheiten und kultureller Identität ist. Integration, so wurde deutlich, gelingt nicht durch Verdrängung, sondern durch Anerkennung.

Text: Jürgen Mescher Fotos: Franz-Anton Schäfer